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Die Balance zwischen Abhängigkeit und Unabhängigkeit in der Partnerschaft finden

Mona Lohr
21. Juni 2025
3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 6. Okt.

In meinem letzten Blogbeitrag ging es darum, wie wichtig es ist, sich in einer Partnerschaft die eigene Unabhängigkeit zu bewahren. Unabhängigkeit allein trägt eine Partnerschaft allerdings nicht, denn wenn sich beide Partnerpersonen nur unabhängig voneinander verhalten, entsteht kein Raum für Begegnung und kein gemeinsamer Liebesraum. Zudem ist niemand vollständig unabhängig, weil uns unsere Bedürfnisse nach Nähe und Verbundenheit immer auch voneinander abhängig machen.


Wenn das Gleichgewicht kippt

In einer Partnerschaft brauchen wir beides, Unabhängigkeit und Abhängigkeit, oder anders gesagt Autonomie und Verbundenheit. Wir alle tragen beide Anteile und beide Bedürfnisse in uns. In vielen Partnerschaften gerät dieses Verhältnis jedoch früher oder später aus dem Gleichgewicht, sodass sich eine Partnerperson abhängiger fühlt und verhält als die andere.

Die andere Person fühlt sich dadurch häufig eingeengt und geht noch mehr auf Abstand, woraufhin die erste dazu neigt, noch stärker zu klammern, um ihr Bedürfnis nach Nähe zu erfüllen. Auf diese Weise verstärken sich beide Reaktionen gegenseitig.


Woher unsere Neigung kommt

Ob wir eher den abhängigeren oder den unabhängigeren Part übernehmen, hängt häufig mit den Erfahrungen zusammen, die wir bisher in unserem Leben gemacht haben. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Bindung zu unseren Eltern, etwa ob wir dort Nähe vermisst haben oder ob wir so behütet wurden, dass unser Bedürfnis nach Autonomie zu kurz kam. Auch Erfahrungen aus früheren Beziehungen wirken in uns nach.

Vivian Dittmar bezeichnet die Verletzung, die hinter dem abhängigen Anteil steht, als „Verlassenheitswunde“, also als die Angst, nicht genug Zuwendung und Halt zu bekommen oder verlassen zu werden. Die Verletzung hinter dem unabhängigen Anteil nennt sie „Vereinnahmungswunde“, womit die Angst gemeint ist, zu wenig Raum zu haben und in der Beziehung zu ersticken. Fast alle Menschen tragen beide Wunden in sich, wobei bei manchen die eine und bei anderen die andere stärker ausgeprägt ist.

In Partnerschaften werden diese Wunden oft aktiviert, etwa wenn sich die Partnerperson seltener meldet, als wir es uns wünschen, oder aus unserer Sicht viel zu oft. Dann hilft es zu erkennen, dass gerade unsere eigenen Wunden berührt werden und die Partnerperson in diesem Moment nur der Auslöser ist, sodass wir die Verantwortung für unsere Gefühle selbst übernehmen können. Zugleich ist eine solche Aktivierung ein Hinweis darauf, dass wir uns in dieser Beziehung zu sehr im abhängigen oder im unabhängigen Anteil befinden.


Wieder in die eigene Balance finden

Das Ziel besteht darin, die eigene Balance zwischen Abhängigkeit und Unabhängigkeit zu finden. In den meisten Situationen sind wir nur mit einem der beiden Anteile verbunden. Gelingt es uns, beide einzubeziehen und miteinander zu verbinden, können wir unserer Partnerperson auf Augenhöhe begegnen.

Wünschen wir uns mehr Nähe, als unsere Partnerperson uns gerade geben kann oder möchte, befinden wir uns im abhängigen Anteil. Statt dann noch stärker auf Nähe zu drängen, können wir versuchen, Kontakt zu unserem unabhängigen Anteil aufzunehmen und der Partnerperson mehr Raum zu lassen, ohne uns dabei ganz aus der Verbindung zurückzuziehen.

Sind wir dagegen stark mit dem unabhängigen Anteil verbunden und wünschen uns mehr Freiheit, können wir versuchen, auch unseren abhängigen Anteil wahrzunehmen, auf die Partnerperson zuzugehen und ihr mehr Nähe anzubieten.

Wenn wir in uns selbst eine Balance zwischen beiden Anteilen finden, hilft das in der Regel auch der Partnerperson, ihr eigenes Gleichgewicht wiederzufinden, und wir fühlen uns ihr gegenüber weder mächtiger noch ohnmächtig. Die Herausforderung liegt darin, nicht einfach vom unabhängigen in den abhängigen Anteil zu wechseln oder umgekehrt, sondern einen Ausgleich zwischen beiden zu finden.

In der Praxis ist das meist mit viel Arbeit verbunden, weil wir uns unserer eigenen Position bewusst werden und dem gewohnten Impuls aktiv entgegensteuern müssen, noch mehr Nähe oder noch mehr Freiheit einzufordern.


Leseempfehlung

Wer sich weiter mit dem Thema beschäftigen möchte, findet bei Vivian Dittmar eine ausführliche Darstellung: „Beziehungsweise – Beziehungen kann man lernen“.

 
 
 

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