Unabhängigkeit und Selbstfürsorge in der Partnerschaft
Aktualisiert: 6. Okt.
Den Satz „Wer sich nicht selbst liebt, kann auch von anderen nicht geliebt werden“ hast du vermutlich schon einmal gehört, und so abgegriffen er klingt, steckt doch etwas Wahres darin. Wenn du deine Beziehung auf der Annahme aufbaust, dass deine Partnerperson dich glücklich machen muss und dass du ohne sie nicht leben kannst, machst du dich von Anfang an stark von ihr abhängig. Beide Annahmen möchte ich im Folgenden näher betrachten.
Wenn deine Partnerperson für dein Glück zuständig ist
Die erste Annahme führt dazu, dass du sehr hohe Erwartungen an deine Partnerperson hast. Wenn sie für dein Glück verantwortlich ist und dich wirklich liebt, müsste sie doch alles daransetzen, dich glücklich zu machen, und wenn sie das nicht tut, liegt der Schluss nahe, dass sie dich nicht richtig liebt. Du wirst dann immer wieder prüfen, ob deine Partnerperson es „richtig“ macht, und wenn nicht, mit Traurigkeit, Enttäuschung, Wut oder Forderungen reagieren. Deine Partnerperson spürt diesen Druck vermutlich, und viele Menschen ziehen sich in einer solchen Lage eher zurück oder tun Dinge nur noch, um es der anderen Person recht zu machen.
Natürlich sind viele Dinge zu zweit schöner, und Aufmerksamkeit und Wertschätzung von der Partnerperson gehören zu einer guten Beziehung dazu. Auch das Bedürfnis nach Nähe und Sexualität lässt sich in der Regel gemeinsam schöner erfüllen als allein. Dennoch sollte die Partnerperson nie für das eigene Glück verantwortlich sein, da sie lediglich dazu beitragen kann.
Wenn du glaubst, ohne deine Partnerperson nicht leben zu können
Auch die zweite Annahme erzeugt viel Druck und kann bei deiner Partnerperson ein Gefühl von Enge auslösen. Zudem erschwert dieser Glaubenssatz eine authentische Begegnung, weil du womöglich ständig versuchst, es deiner Partnerperson recht zu machen, damit sie weiß, was sie an dir hat, und dich nicht verlässt. Dann traust du dich vielleicht nicht, Unangenehmes anzusprechen, für deine eigenen Bedürfnisse einzustehen oder Grenzen zu setzen.
Deine Partnerperson spürt in diesem Fall kaum, wer du bist und was du willst oder nicht willst. Sie gewöhnt sich möglicherweise daran, alles zu bekommen, was sie möchte, während eine Begegnung auf Augenhöhe kaum noch stattfindet.
Ein wichtiger Bestandteil von Selbstfürsorge besteht deshalb darin, Grenzen zu setzen und sie mitzuteilen. Wer immer wieder über die eigenen Grenzen hinausgeht und sich für andere aufopfert, kann nicht gut für sich sorgen und verliert irgendwann die Kraft, sich um andere zu kümmern, denn nur wer gut für sich selbst sorgt, kann auch für andere da sein. Zur Selbstfürsorge in der Partnerschaft gehört außerdem, der Partnerperson die Verantwortung für ihre eigene Fürsorge zu überlassen.
Eine Partnerschaft auf Augenhöhe
In einer Partnerschaft auf Augenhöhe kennen beide ihren eigenen Wert und übernehmen die Verantwortung für ihr eigenes Glück. Beide wissen, dass sie die Wahl haben, in der Beziehung zu bleiben oder sie zu verlassen, falls sie dauerhaft unerfüllt bleibt oder immer wieder die eigenen Grenzen überschreitet. Sie wissen, was sie aneinander haben, und schätzen es sehr, wissen aber auch, dass sie allein zurechtkämen und ihr Leben weiterginge, wenn die Beziehung endete.
In einer solchen Partnerschaft zeigen beide einander ihre Wertschätzung, sind aufmerksam füreinander und tragen gern zum Glück der anderen Person bei. Gleichzeitig behalten beide ihre eigenen Bedürfnisse und Grenzen im Blick und sprechen sie klar an. Dazu gehört auch, dass jede Person Dinge hat, die sie allein unternimmt und an denen sie auch ohne ihre Partnerperson Freude hat, sodass sich ein Teil ihres Lebens unabhängig anfühlt.
Was Selbstfürsorge bedeutet
Der Psychoanalytiker Joachim Küchenhoff definiert Selbstfürsorge als „die Fähigkeit, mit sich gut umzugehen, zu sich selbst gut zu sein, sich zu schützen und nach sich selbst zu schauen, die eigenen Bedürfnisse zu berücksichtigen, Belastungen richtig einzuschätzen, sich nicht zu überfordern oder sensibel auf Überforderungen zu bleiben“.
Um deine Selbstfürsorge zu stärken, lohnt es sich, zunächst über einige Fragen nachzudenken:
Was tut mir gut, und was brauche ich, um zufrieden zu sein?
Was sind meine Bedürfnisse, und wo liegen meine Grenzen?
In welchen Situationen überfordere ich mich?
Welche Ressourcen habe ich?
Selbstfürsorge Schritt für Schritt stärken
Diese Fragen zu beantworten, fällt anfangs oft nicht leicht. Hilfreich kann ein Vorgehen in mehreren Schritten sein:
Sammeln: Schreib spontan alles auf, was du selbst tun kannst und was in der Regel zu deinem Wohlbefinden beiträgt, zum Beispiel im Wald joggen, die beste Freundin oder den besten Freund anrufen, ein warmes Bad nehmen, zehn Minuten meditieren, dich gesund ernähren, tanzen gehen, um 22 Uhr ins Bett gehen oder deine Lieblingsmusik hören. Notiere außerdem, wo du dich abgrenzen möchtest, und formuliere auch das möglichst positiv, etwa: „Ich telefoniere mit meiner Mutter höchstens zweimal pro Woche für jeweils 30 Minuten“, „Ich verbringe höchstens zwei Stunden pro Woche mit Hausarbeit“ oder „Bei der Arbeit erledige ich zuerst meine wichtigsten Aufgaben und schaue danach, ob noch Zeit bleibt, einer Kollegin oder einem Kollegen zu helfen“.
Beobachten: Beobachte dich zwei Wochen lang, führe Protokoll und ergänze deine Liste. Frag dich dabei, was dir noch gutgetan hat, in welchen Momenten du dich gern besser um dich gekümmert hättest und wo du dich überfordert hast.
Planen: Leg fest, wann du dir Zeit für die Dinge nehmen kannst, die dir guttun. Häng außerdem eine Übersicht der Dinge, die dir besonders guttun, gut sichtbar auf, etwa im Zimmer oder am Kühlschrank, damit du dich auch in Momenten daran erinnerst, in denen es dir nicht gut geht.
Selbstfürsorge im gemeinsamen Alltag
Wenn du in einer Partnerschaft lebst, berufstätig bist und vielleicht Kinder hast, kannst du natürlich nicht frei über deine gesamte Zeit verfügen. Sprich deshalb mit deiner Partnerperson über deine Bedürfnisse und überlegt gemeinsam, welche davon sich erfüllen lassen und wann es Zeiträume geben kann, die nur dir gehören. In dieser sogenannten Me-Time kannst du den Dingen nachgehen, die dir guttun.



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