Erzwungener Konsens in offenen Beziehungen: Wenn ein Ja nicht freiwillig gegeben wurde
In meiner Beratungsarbeit begegnet mir immer wieder eine Situation, die ich für einen der häufigsten und zugleich am schwersten erkennbaren Stolpersteine bei der Öffnung einer Beziehung halte. Beide Partnerpersonen sagen Ja zur Öffnung, doch nur eine von beiden meint es wirklich so. Diese Dynamik wird als erzwungener Konsens bezeichnet, und sie ist deshalb so schwer zu fassen, weil sie von außen und oft auch von innen wie eine echte Zustimmung aussieht.
Wie erzwungener Konsens entsteht
Der Druck muss dabei nicht ausdrücklich ausgesprochen werden, denn ein Ultimatum oder eine direkte Drohung gibt es in den meisten Fällen nicht. Häufiger entsteht er aus der Angst, die Partnerperson zu verlieren, wenn man Nein sagt, oder aus dem Gefühl, zu konservativ oder nicht offen genug zu sein. Manchmal tragen auch Gespräche dazu bei, in denen die Öffnung so selbstverständlich klingt, dass sich das eigene Zögern mit der Zeit falsch anfühlt. Gelegentlich hat die Partnerperson auch bereits eine andere Person im Blick, sodass die Öffnung weniger als gemeinsame Entscheidung erscheint als vielmehr als Bedingung für den Fortbestand der Beziehung.
Wenn die zögernde Person dann schließlich zustimmt, bedeutet ihr Ja oft eher, dass sie aufgehört hat, Nein zu sagen.
Warum er so schwer zu erkennen ist
Erzwungener Konsens ist für beide Seiten schwer zu erkennen. Die Person, die zugestimmt hat, hofft oft, mit der Zeit hineinzuwachsen und dass es ihr leichter fallen wird. Das gelingt manchmal, häufiger aber sammelt sich der Schmerz an, während nach außen alles einvernehmlich wirkt.
Die andere Person geht unterdessen davon aus, eine echte Zustimmung erhalten zu haben, handelt entsprechend und ahnt oft nicht, was ihre Partnerperson mit sich trägt. Wenn der Schmerz dann zum Vorschein kommt, manchmal erst Monate später oder in einem Streit über ein scheinbar ganz anderes Thema, sind beide überrascht und verletzt.
Was er in der Beziehung anrichtet
Kurzfristig sichert erzwungener Konsens den Frieden, langfristig untergräbt er jedoch das Vertrauen auf beiden Seiten. Die Person, die innerlich Nein gesagt hat, lebt in einer Situation, die sie nicht selbst gewählt hat, und trägt das oft allein, weil sie nicht weiß, wie sie es ansprechen soll, ohne die Beziehung zu gefährden.
Für die andere Person geht, sobald die Wahrheit ans Licht kommt, das Gefühl einer stabilen Grundlage verloren, was sie häufig stärker erschüttert als die Frage der Öffnung selbst.
Was hilft
Wer gerade vor der Entscheidung steht, einer Öffnung zuzustimmen, kann sich fragen, ob die Zustimmung aus dem eigenen Wunsch kommt oder aus der Angst vor dem, was nach einem Nein passieren könnte. Hilfreich ist auch die Überlegung, ob man ebenfalls zustimmen würde, wenn man sicher wäre, dass die Beziehung ein Nein aushält.
Wer eine Öffnung vorschlägt, sollte sich fragen, ob die Partnerperson wirklich Raum für ein ehrliches Nein hatte und ob die Gespräche so geführt wurden, dass ein Nein ebenso möglich gewesen wäre wie ein Ja.
Echte Zustimmung setzt voraus, dass beide Nein sagen können, ohne die Beziehung zu gefährden, und dass niemand gedrängt wird, wenn mehr Zeit zum Nachdenken nötig ist.
Wer merkt, einer Öffnung zugestimmt zu haben, ohne sie wirklich zu wollen, kann auch später noch ehrlich sein. Der Moment, in dem jemand ausspricht, eigentlich nie richtig Ja gesagt zu haben, ist schwierig, doch oft ist er der erste wirklich ehrliche Moment in einem langen Prozess, von dem aus sich etwas Neues aufbauen lässt.
In der Beratung stelle ich Paaren manchmal diese Frage: „Wenn deine Partnerperson dir heute sagen würde, dass sie die Öffnung eigentlich gar nicht möchte, wie würdest du reagieren?“



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