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  • Mona Lohr

Unabhängigkeit und Selbstfürsorge in der Partnerschaft

Jeder hat bestimmt schon mal den Spruch gehört "wer sich nicht selbst liebt, kann von anderen auch nicht geliebt werden". So abgedroschen es auch klingt - es ist was dran. Wenn Sie Ihre Beziehung auf dem Grundsatz aufbauen, dass der andere Sie glücklich machen muss und dass Sie ohne den anderen nicht leben können, dann hat Ihre Beziehung schon mal eine Basis, in der Sie sich ganz stark von dem anderen abhängig machen.

Zum einen haben Sie sehr hohe Erwartungen an den Partner: Wenn dieser für Ihr Glück verantwortlich ist und Sie wirklich liebt, dann sollte er doch alles daran tun, Sie glücklich zu machen. Und wenn er es nicht tut, dann liebt er Sie nicht richtig, oder? Sie werden immer wieder überprüfen, ob Ihr Partner es auch "richtig" macht und sollte es nicht der Fall sein, wohlmöglich entweder traurig, enttäuscht, wütend, fordernd etc. werden. Der Partner spürt möglicher Weise den Druck und viele Menschen neigen dazu, sich dann eher zurück zu ziehen, oder etwas zu tun, nur "um es dem anderen recht zu machen". Und natürlich - viele Dinge sind schöner, wenn man sie zu zweit macht. Aufmerksamkeit und Wertschätzung von seinem Partner zu bekommen, gehört zu einer guten Beziehung dazu. Und das Bedürfnis nach Nähe und Sexualität lässt sich in der Regel zu zweit schöner erfüllen als alleine. Jedoch der Partner sollte nie verantwortlich sein für das eigene Glück - er kann lediglich dazu beitragen.


Und hier kommen wir zu der zweiten Annahme "ohne meinen Partner kann ich nicht leben". Auch dieser Glaubenssatz kann ganz viel Druck in einer Partnerschaft erzeugen und bei dem Partner ein Gefühl von Enge und Druck auslösen. Mit diesem Glaubenssatz ist es schwierig, sich in einer Partnerschaft authentisch zu begegnen. Wohlmöglich versuchen Sie es Ihrem Partner die ganze Zeit recht zu machen, damit er ja weiß, was er an Ihnen hat und er Sie ja nicht verlassen wird. Dann trauen Sie sich vielleicht nicht, auch mal unangenehme Dinge anzusprechen. Sie erlauben sich nicht, für Ihre eigenen Bedürfnisse einzugestehen und auch Grenzen zu setzen. Ihr Partner wird wohlmöglich gar nicht richtig spüren, wer Sie sind und was Sie wollen und nicht wollen. Er wird sich vielleicht an die Bequemlichkeit gewöhnt haben, dass er alles bekommt, was er will, es findet jedoch wenig Begegnung auf Augenhöhe statt. Ein ganz wichtiges Element von Selbstfürsorge ist es, Grenzen zu setzten und zu kommunizieren. Denn wer immer wieder über seine eigenen Grenzen hinausgeht und sich für andere "aufopfert", der wird nicht gut für sich sorgen können und selbst irgendwann nicht mehr "leistungsfähig" sein. Nur wer gut für sich selbst sorgt und für sich selbst da ist, kann auch für andere gut da sein. Selbstfürsorge in der Partnerschaft beinhaltet auch, dem Partner die Verantwortung für seine Fürsorge zu überlassen.


In einer Partnerschaft auf Augenhöhe weiß jeder Beteiligte um seinen eigenen Wert und übernimmt die Verantwortung für sein eigenes Glück. Jeder sieht immer die Wahlmöglichkeit, in der Beziehung zu bleiben oder zu gehen, wenn die Beziehung nicht erfüllend ist oder immer die die eigenen Grenzen überschreitet. Jeder weiß, was er am anderen hat und schätzt es sehr. Jeder weiß aber auch, dass er auch alleine zurecht käme, dass das Leben nicht zu Ende wäre, wenn die Beziehung zu Ende wäre. In einer Partnerschaft auf Augenhöhe drückt jeder dem anderen seine Wertschätzung aus, hat Aufmerksamkeit für den anderen und trägt gerne zu dessen Glück bei. Gleichzeitig hat jeder auch seine eigenen Bedürfnisse und Grenzen im Blick und kommuniziert diese auch klar.

In einer funktionierenden Partnerschaft hat jede Person auch Dinge, die sie selbst tut, die sie alleine interessieren, an denen sie auch ohne ihren Partner Freude hat. Es gibt auch einen Teil im Leben, der sich unabhängig anfühlt.


Nach dem Schweizer Psychoanalytiker Joachim Küchenhoff ist Selbstfürsorge definiert als:

„die Fähigkeit mit sich gut umzugehen, zu sich selbst gut zu sein, sich zu schützen und nach sich selbst zu schauen, die eigenen Bedürfnisse zu berücksichtigen, Belastungen richtig einzuschätzen, sich nicht zu überfordern oder sensibel auf Überforderungen zu bleiben."


Um Ihre Selbstfürsorge zu stärken, sollten Sie sich erstmal über folgende Fragen Gedanken machen:

Was tut mir gut? Was brauche ich, um zufrieden zu sein? Was sind meine Bedürfnisse? Was sind meine Grenzen? Wo überfordere ich mich? Was sind meine Ressourcen?

Das ist erstmal vielleicht gar nicht so einfach. Sie können beispielsweise so vorgehen:

  1. Schreiben Sie alles auf, was Ihnen jetzt spontan einfällt, was Sie selbst tun können, was in der Regel zu Ihrem Wohlbefinden beiträgt. Das kann z.B. sein: im Wald joggen gehen, den besten Freund anrufen, ein warmes Bad, 10 Minuten meditieren, etwas gesundes Essen, Tanzen gehen, um 22 Uhr ins Bett gehen, die Lieblingsmusik anmachen usw. Schreiben Sie auch auf, vor welchen Situationen Sie sich abgrenzen möchten (auch hier am besten eine positive Formulierung wählen): Mit der Mutter maximal 2 mal die Woche für maximal 30 Minuten telefonieren. Maximal 2 Stunden die Woche mit Hausarbeit verbringen. Auf der Arbeit zuerst die eigenen wichtigsten Aufgaben erledigen und dann schauen, ob noch Zeit bleibt, um dem Kollegen zu helfen.

  2. Beobachten Sie sich zwei Wochen lang, führen Sie Protokoll und ergänzen die Liste weiter: was hat Ihnen noch gut getan? In welchen Momenten hätten Sie sich gerne noch besser um sich gekümmert? Wo haben Sie sich überfordert?

  3. Erstellen Sie sich einen Plan: Wann könnten Sie sich Zeit nehmen, für die Dinge, die Ihnen gut tun? Erstellen Sie zudem eine Übersicht mit den Dingen, die Ihnen besonders gut tun und hängen Sie sich diese z.B. im Zimmer / am Kühlschrank auf, so dass Sie sich immer wieder an die Sachen erinnern und z.B. in Situationen, in denen es Ihnen gerade nicht so gut geht, daran denken.

Wenn Sie in einer Partnerschaft sind, arbeiten gehen und vielleicht sogar Kinder haben, können Sie natürlich nicht über alle Zeit frei selbst verfügen. Sprechen Sie über Ihre Bedürfnissen mit Ihrem Partner. Überlegen Sie dann ggf. gemeinsam: Welche der Bedürfnisse lassen sich erfüllen? Wann gibt es Zeiträume, die nur für Sie selbst da sind, sogenannte "me time", in denen Sie den Tätigkeiten nachgehen können, die Ihnen gut tun?





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