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  • Mona Lohr

Die Balance zwischen Abhängigkeit und Unabhängigkeit in der Partnerschaft finden

Im letzten Blogbeitrag habe ich darüber gesprochen, wie wichtig es ist, sich seine Unabhängigkeit in der Partnerschaft zu bewahren. Nur Unabhängigkeit in einer Partnerschaft funktioniert jedoch auch nicht - wenn beide Partner sich nur unabhängig voneinander verhalten, dann entsteht kein Raum für Begegnungen, kein gemeinsamer Liebesraum. Niemand ist komplett unabhängig. Bedürfnis nach Nähe, Verbundenheit usw. bringen uns in eine Abhängigkeit zueinander.

In einer Partnerschaft ist beides wichtig: Unabhängigkeit und Abhängigkeit. Distanz und Nähe. Autonomie und Verbundenheit. Jeder von uns trägt beide Anteile in sich, hat beide Bedürfnisse. In vielen Partnerschaften kommt es früher oder später zu einer Disbalance - ein Partner fühlt und verhält sich abhängiger als der andere Partner. Der andere Partner dagegen fühlt sich dann häufig eingeengt und geht noch mehr auf Abstand, weshalb der andere Partner dann wiederrum dazu neigt, noch mehr zu Klammern, um sein Bedürfnis nach Nähe mit dem Partner zu erfüllen.

Ob wir dazu eher neigen, den abhängigeren Part zu erfüllen oder den unabhängigen hängt häufig mit den Erfahrungen zusammen, die wir bisher in unserem Leben gemacht haben. Wie war der Bindungsstil zu unseren Eltern? Haben wir auch dort die Nähe vermisst? Oder wurden wir zu sehr behütet und unser Autonomie Bedürfnis ist zu kurz gekommen? Auch Erfahrungen aus alten Beziehungen sind in uns verankert. Vivian Dittmar nennt die Wunde vom abhängigen Teil die "Verlassenheitswunde", das heißt, die Angst, nicht genügend Zuwendung, nicht genügend Halt zu bekommen, verlassen zu werden. Und die Wunde vom unabhängigen Teil die "Vereinnahmungswunde", das heißt, zu wenig Raum zu haben, in der Beziehung zu ersticken. Beide Wunden bringen fast alle Menschen mit, bei den einen ist eine Wunde stärker ausgeprägt, bei dem anderen die andere. In partnerschaftlichen Beziehungen werden diese Wunden in uns oft aktiviert (weil der andere sich nicht so oft meldet wie wir wünschen oder weil der andere sich nach unserer Meinung nach viel zu oft meldet). Wichtig ist hier für uns zu erkennen, dass es unsere Wunden sind, die in uns aktiviert werden und dass wir Verantwortung für unsere Gefühle übernehmen und erkennen, dass der andere in diesem Moment nur der Auslöser ist. Wenn diese Wunden in uns aktiviert werden, ist dies ein Signal, dass ich mich in dieser Beziehung zu sehr im abhängigen oder im unabhängigen Teil befinde.


Was können wir jetzt machen wenn wir uns in einer Beziehung befinden, in der wir uns zu sehr im abhängigen oder im unabhängigen Anteil befinden?

Das Ziel ist es, die eigene Balance zu finden zwischen Abhängigkeit und Unabhängigkeit. In den meisten Situationen sind wir nur mit einem dieser Anteile verbunden. Wenn es uns gelingt, beide Anteile mit einzubeziehen und sie zu verbinden und in Balance zu sein, so können wir mit unserem Partner auf Augenhöhe bleiben. Wenn wir uns mehr Nähe mit unserem Partner wünschen, als dieser uns gerade geben kann/möchte, wir uns somit im abhängigen Teil befinden, statt noch mehr auf den Partner einzureden und auf Nähe zu bestehen, können wir versuchen, die Verbindung zu unserem unabhängigen Teil aufzunehmen und dem Partner mehr Raum zu geben, ohne komplett aus der Verbindung zu gehen.

Wenn wir stark mit dem unabhängigen Teil in Verbindung sind und uns gerade mehr Freiheit wünschen, können wir versuchen uns auch mit dem abhängigen Teil zu verbinden und auf unseren Partner zuzugehen und mehr Nähe anzubieten.


Wenn es uns gelingt, in der eigenen Balance zwischen den beiden Teilen zu sein - in uns und mit uns selbst - dann hilft es unserem Partner in der Regel auch, die eigene Balance wieder zu finden. Und wenn es uns gelingt, in der eigenen Balance zu sein, dann fühle ich mich weder mächtiger als mein Partner noch ohnmächtig.

Die große Herausforderung hier ist es, nicht von dem unabhängigen Teil in den abhängigen Teil zu springen (oder anders herum), sondern das Gleichgewicht zu finden.

Das ist so einfach gesagt - in der Praxis bedeutet dies meistens sehr viel Arbeit und bewusst werden der eigenen Position und ein aktives Entgegensteuern gegen unserem Automatismus, noch mehr Nähe oder noch mehr Freiheit einzufordern.


Leseempfehlung: Das Buch "beziehungsweise - Beziehungen kann man lernen." Von Vivian Dittmar

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