Offene Beziehungen und Polyamorie: Was ihr vorher überlegen solltet
Menschen haben unterschiedliche Gründe, ihre Beziehung zu öffnen, wobei häufig der Wunsch nach neuen sexuellen Erfahrungen oder nach emotionaler Nähe zu anderen Menschen im Vordergrund steht. Bevor ihr diesen Schritt geht, könnt ihr einiges tun, um ihn gut vorzubereiten.
Wie steht es um eure Beziehung?
Zuallererst lohnt sich die Frage, wo ihr als Paar gerade steht, was in eurer Beziehung gut funktioniert und wo eure Baustellen liegen. Ich empfehle, eine Beziehung nur dann zu öffnen, wenn es gerade keine größeren Baustellen gibt. Eine Öffnung aus einem Mangel heraus zieht häufig weitere Konflikte nach sich, und die Angst, für jemand „Besseren“ verlassen zu werden, wird realer, wenn es in der bisherigen Beziehung tatsächlich hakt. Klärt deshalb zuerst, was zwischen euch offen ist.
Je stabiler das Fundament eurer Beziehung ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass eine Öffnung euch nicht aus der Bahn wirft. Sehr hilfreich ist es, gute Kommunikation einzuüben und zu lernen, die eigenen Gefühle und Bedürfnisse ebenso wie die der Partnerperson zu erkennen. Folgende Fragen können euch dabei helfen:
Wie sind wir bisher mit Eifersucht umgegangen?
Worüber streiten wir, wie lösen wir unsere Konflikte, und wie finden wir danach wieder zueinander?
Falls wir kaum streiten: Vermeiden wir Konflikte? Trauen wir uns, Unangenehmes anzusprechen und für unsere Bedürfnisse einzustehen?
Sei außerdem ganz ehrlich zu dir selbst: Möchtest du die Beziehung öffnen, weil du unzufrieden bist, dich nicht gesehen oder wertgeschätzt fühlst oder deine Partnerperson dich nervt? Hoffst du insgeheim, jemanden zu finden, der oder die interessanter ist und besser zu dir passt? All das wären keine guten Gründe für eine Öffnung. In diesem Fall empfehle ich, zunächst gemeinsam an eurer Beziehung zu arbeiten oder euch zu trennen und danach unabhängig voneinander neu auf Partnersuche zu gehen.
Wie ihr mit schwierigen Gefühlen umgeht
Wenn Paare ihre Beziehung öffnen, haben sie häufig zunächst die schönen Seiten im Kopf, etwa das aufregende Gefühl, sich neu zu verlieben, eine lang gewünschte sexuelle Fantasie auszuleben oder einen neuen Körper zu entdecken. Ebenso wichtig ist jedoch die Frage, wie es dir geht, wenn du dir vorstellst, dass deine Partnerperson diese Erfahrungen macht, vielleicht sogar mit jemandem, den du auf den ersten Blick attraktiver oder in irgendeiner Hinsicht toller findest als dich selbst.
Frag dich auch, was deine größten Ängste in Bezug auf die Öffnung sind, und sprich mit deiner Partnerperson darüber. Überlegt gemeinsam, wie ihr handeln würdet, wenn diese Ängste tatsächlich eintreten. Vielleicht merkst du dabei, dass du Angst hast, deine Ängste überhaupt anzusprechen. Dann lohnt es sich, näher hinzuschauen, was geschieht, wenn ihr schwierige Gefühle miteinander teilt:
Geht deine Partnerperson sofort in die Verteidigung, blockt sie ab oder macht sie dir Vorwürfe?
Versucht sie, die schwierigen Gefühle schnell mit Lösungsvorschlägen aus der Welt zu schaffen?
Oder gelingt es ihr, dir einfach zuzuhören?
Und wie gehst du selbst damit um, wenn deine Partnerperson schwierige Gefühle mit dir teilt?
Bevor ihr eure Beziehung öffnet, ist es hilfreich, das Teilen schwieriger Gefühle und das zuhörende Annehmen miteinander zu üben, da ihr diese Fähigkeit mit großer Wahrscheinlichkeit brauchen werdet.
Sexuelle oder auch emotionale Öffnung?
Vielleicht steht für dich vor allem der Wunsch nach neuen sexuellen Erfahrungen im Vordergrund, etwa einem anderen Menschen und einem anderen Körper wieder sexuell nahe zu sein oder bestimmte Praktiken zu leben, die deine Partnerperson nicht mag und die du vermisst. Dann solltet ihr darüber ausführlich sprechen. Vielleicht geht es deiner Partnerperson ähnlich, oder es entlastet sie sogar, nicht mehr allein für die Erfüllung aller sexuellen Bedürfnisse zuständig zu sein, sodass sie sich freuen kann, wenn du bestimmte Vorlieben mit anderen Menschen lebst.
Für bestimmte sexuelle Vorlieben können entsprechende Szenen ein guter Ort sein. So gibt es zum Beispiel in fast jeder größeren Stadt eine BDSM-Community, und online bieten Foren die Möglichkeit zum Austausch. Stehen gemeinsame sexuelle Erlebnisse im Vordergrund, könnten Swingerpartys oder andere sexpositive Veranstaltungen interessant sein, die ihr zusammen besucht. Auch in der Tantra-Szene entstehen häufig sexpositive Räume, in denen es um energetische Berührung geht und nicht unbedingt um Penetration.
Wenn ihr eure Beziehung für sexuelle Kontakte öffnen möchtet, setzt euch zusammen und klärt gemeinsam, was ihr konkret wollt. Dabei können diese Fragen helfen:
Welche Absprachen brauchen wir, damit es uns beiden gut damit geht?
Wie stellen wir sicher, dass wir in Kontakt bleiben, zum Beispiel durch regelmäßigen Austausch?
Was von unseren Erlebnissen möchten wir miteinander teilen, und worüber möchten wir lieber nicht sprechen?
Wie häufig und in welchen Kontexten möchten wir uns bewegen?
Sind Gefühle für andere Menschen für uns in Ordnung, und was tun wir, wenn eine Person von uns Gefühle entwickelt?
Wie kommunizieren wir unsere Beziehung und unsere Wünsche gegenüber anderen?
Bleiben die anderen Menschen eher anonym, oder darf daraus auch eine Freundschaft entstehen?
Geht es euch in erster Linie um Abwechslung und neue Erfahrungen, kann auch ein gemeinsamer Tantra-Workshop ohne körperlichen Kontakt zu anderen interessant sein, um eure Intimität als Paar zu bereichern.
Wenn es in Richtung Polyamorie geht
Vielleicht wünschst du dir auch, dich wieder zu verlieben oder mit Menschen, die dir sehr wichtig sind, etwa engen Freundinnen oder Freunden, Intimität zuzulassen. Wenn es darum geht, einen anderen Menschen wirklich kennenzulernen, ihn dauerhaft im eigenen Leben zu behalten und vielleicht eine weitere Beziehung mit allem zu führen, was dazugehört, von Intimität und Verbindlichkeit bis zu Verantwortung und Absprachen, dann geht der Weg möglicherweise in Richtung Polyamorie. Auch hier solltet ihr als Paar einiges klären:
Was können wir uns vorstellen, und welche Vereinbarungen brauchen wir?
Möchten wir uns ein Vetorecht einräumen, und sehen wir alle Partnerpersonen als gleichberechtigt an?
Was tun wir, wenn eine neue Person so wichtig wird, dass wir uns Gleichberechtigung wünschen?
Welche Verbindlichkeiten gehen wir miteinander ein, und wie viel Freiraum lassen wir einander bei der Gestaltung von Zeit und Dates?
Wo brauchen wir Absprachen, und wo liegen unsere persönlichen Grenzen?
Wie möchten wir starten und andere Menschen kennenlernen?
Wie schaffen wir es, langsam hineinzuwachsen und Schritt für Schritt herauszufinden, was uns guttut?
Eine wichtige Frage betrifft außerdem deine zeitlichen Ressourcen, also wie viel Zeit du nach der Öffnung für weitere Menschen aufbringen kannst und möchtest. Möchtest du einer weiteren Beziehung viel Raum geben, oder reicht dir ein Date alle paar Wochen? Auch davon hängt ab, welche Form der Öffnung zu euch passt.
Wenn nur eine Person die Beziehung öffnen möchte
Auch wenn nur eine Person von euch eine Veränderung möchte, gibt es kein Richtig oder Falsch. Zunächst geht es darum, dass du dich deiner Partnerperson ehrlich mitteilst und immer wieder über deine Wünsche, Bedürfnisse und Vorstellungen sprichst. Es hilft, euch gemeinsam zu informieren, im Gespräch zu bleiben und deiner Partnerperson mit ihren Bedenken und Ängsten zuzuhören, um herauszufinden, ob es einen ersten Schritt gibt, den ihr beide gehen möchtet.
Es kann aber auch sein, dass deine Partnerperson nicht bereit ist, die Beziehung zu öffnen, und für sie nur klassische Monogamie infrage kommt. Dann solltest du dich fragen, ob das für dich vorstellbar ist und ob sich deine Bedürfnisse auch auf anderem Weg erfüllen lassen:
Abenteuer lässt sich vielleicht auch bei einem Fallschirmsprung erleben.
Abwechslung in der Sexualität kann entstehen, wenn ihr innerhalb eurer monogamen Beziehung gemeinsam Neues ausprobiert.
Tiefe Verbindungen können auch in engen Freundschaften wachsen.
Enger Austausch kann durch das Leben in einer Gemeinschaft entstehen.
Persönliche Weiterentwicklung lässt sich zum Beispiel in Seminaren fördern.
Es ist nie gut, die Partnerperson zu einer Öffnung zu drängen oder sie einfach vor vollendete Tatsachen zu stellen. Wenn es für dein Leben jedoch unverzichtbar erscheint, offen oder polyamor zu leben, und deine Partnerperson diesen Weg auf keinen Fall mitgehen kann und möchte, kann eine Trennung für alle der bessere Weg sein, als dauerhaft ein Leben zu führen, mit dem ihr nicht glücklich werdet.
Freude und Anstrengung
Auch wenn ihr beide eure Beziehung öffnen möchtet, gibt es keine Garantie, dass eine offene oder polyamore Beziehung zu einem glücklicheren Leben führt. In den meisten Fällen bedeutet sie viel Beziehungsarbeit und kostet Zeit und Kraft. Sie kann sehr viel Freude bereiten und ebenso viel Leid verursachen, manchmal sogar beides zugleich, und das solltet ihr euch bewusst machen, bevor ihr diesen Schritt geht.
Ein erster Schritt: Zeit allein üben
Wenn ihr als Paar grundsätzlich alles gemeinsam unternehmt, jede Nacht im selben Bett schlaft und es euch schwerfällt, Zeit allein zu verbringen, kann es eine gute Vorbereitung sein, das Alleinsein zu üben, indem ihr euch eigene Hobbys sucht oder auch einmal allein für eine Nacht wegfahrt. Es fällt leichter, das Alleinsein zunächst zu erleben, wenn deine Partnerperson bei Freundinnen oder Freunden übernachtet oder mit ihnen ins Kino geht, als wenn dieses Gefühl zum ersten Mal auftaucht, während sie bei ihrem ersten Date ist.

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